Dienstag, 20. Juli 2010

Dies diem docet.


About the Irony, or how I was outsmarted by my own weapons


We learn a lot. With all our human restrictions - that are attributable to our physical, biological and psychologial nature - and despite of them.

Every day we grow, we shrink, we expand, we shrivel - depending on what survival requires.

We acquire certain attributes, we abandon others. Domestication and education bestow a willful character on all our moves but in the end it is the urge to survive that guides us all towards one thing that we have indeed in common - the finishing line.

The strongest will survive.

We appraise, observe, imitate, hide, cultivate, ennoble, optimise and yes, we react. Act. React.

This is life. And we love it. We hate it. We can't change it. Me, personally, I won't question the absurdity of it all - it has proven itself a million times. But the more absurd it gets, the more I acknowledge it, the more I cherish it - although this perception doesn't leave a lot of room for the unexpected.


Sometimes, however, others are quicker than my analytical predictions, and they move before I have even thought about planning my turn. And if their movements most surprisingly mirror my own, follow my personal and most private rules and thus render my reaction redundant, I experience one of the most beautiful phenomenons of everyday life: surprise. And as a logical consequence, them moving my way triggers the passive auto-sensing of myself, which sounds esoteric but is a fortiori trivial and profane since it encourages me and my raison d'etre.

Yes, I am talking about people. People whom I wouldn't have granted any half-life period in my universe: "Please, don't disturb my circles". People who surprise me by being the master of my own quirky manners. Manners that are only about to become manifest in my own disposition.

Irony is the food that tastes bitter although it looks sweet, irony says "no" when it means "yes" to accentuate the negative gravity. Irony is when you expect something with all your might and fortune serves you the antithesis. But since experience has made you wary and vigilant those nuances of irony cannot surprise you. They are nothing more than a stilistic technique of life, a device of fate.

If irony, however, outcrops by presenting you a situation or condition that you never took into consideration in the first place, irony defeats your calculus and becomes a true momentum of life.

Yes, I am also talking about most contradictory species of people. On the one hand people who create a negative momentum that causes a dynamic in which my directness loses its footing. People whose inhumanness startles me at first but also arouses a sense of justice that is ten times as dangerous in its sincerity than ever before. People who sharpen my teeth by pointing their sword at me.

And on the other hand people who create a positive momentum by escorting my friend to the underground station at night although this friend was the most sceptical one when it came to judging on the gentleman's innocuousness before the party had started. People who master my spiel better than I do. People who have inhaled the significance of humanity without being pious, over-humane and over-virtuous. People who know what is good and what is wrong, and who still go for the wrong despite it all and for the sake of it all.

People who break the ice of insecurities and doubts by openly uttering the exact same words that are sitting on the tip of my conditioned tongue.

And people who tell you the title and chapter of the book you are citing when you wouldn't even have expected your dialog partner to detect that you are quoting.

And this is when irony borrows my own sense of humour to make me laugh - a laughter that will reverberate for a while or a small eternity.

And this is when life surprises and thus revives curiosity.

And this is when I love life and don't give a damn about its absurdity.


"Only a philosophy of eternity, in the world of today, could justify non-violence." ~ Albert Camus


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Über die Ironie, oder wie ich mit meinen eigenen Waffen besiegt wurde


Wir lernen. Viel. Dank und trotz unseres menschlichen Korsetts, das wir unserer physischen, psychischen und biologischen Natur zu verdanken haben.

Jeden Tag wachsen wir, wir machen uns klein, und wieder groß, um kurz darauf den Kopf einzuziehen - je nachdem was das Leben verlangt.

Wir eignen uns gewissen Attribute an, stoßen andere über Bord. Domestizierung und Erziehung verleihen unseren Handlungen einen vorsätzlichen Charakter, doch am Ende ist es doch der Überlebenswille, der uns treibt - gen einem Ende, das wir alle gemeinsam haben. Der Stärkere überlebt.

Wir taxieren, beobachten, imitieren, verbergen, kultivieren, veredeln, optimieren und ja, wir reagieren. Agieren. Reagieren.

Das ist das Leben. Und wir lieben es. Wir hassen es. Doch wir können es nicht ändern. Ich persönlich werde seinen absurden Charakter nicht weiter in Frage stellen - dieser hat sich mir oft genug glaubhaft präsentiert. Doch je absurder es wird, desto mehr schätze ich es - obwohl diese Sicht der Dinge dem Unerwarteten nicht viel Spielraum lässt.


Manchmal jedoch sind die anderen schneller als meine analytischen Vorhersagen. Sie machen einen Zug bevor ich den meinen überhaupt planen wollte. Und wenn ihre Zügen die meinen völlig unerwartet reflektieren und meinen persönlichen und höchstvertraulichen intimen Regeln folgen, wird mein eigenes Agieren somit überflüssig gemacht, und ich werde Zeuge eines der wunderbarsten Phänomene des Alltags: der Überraschung. Als logische Konsequenz lösen diese Handlungen der anderen, die meinen gleichen, eine passive Selbsterkennung aus, was sich esoterisch anhören mag, a fortiori aber höchst trivialer und profaner Natur ist, da es mich und mein Raison d'etre bestätigt.

Richtig, ich spreche über Menschen. Menschen, denen ich zu Beginn keinerlei Halbwertszeit in meinem Universum ausgerechnet hätte: "Bitte, störe meine Kreise nicht." Menschen, die mich überraschen, da sich meinen eigenen schrägen Manieren besser meistern als ich. Manieren, die sich bei mir eben erst in meinem Naturell manifestieren.

Ironie ist das Mahl, das bitter schmeckt, obwohl es nach Süßspeise aussieht. Die Ironie sagt "nein", wenn sie "ja " meint - um die negative Bedeutung zu betonten. Ironie ist, wenn man etwas mit aller Macht heraufbeschwört und einem das Schicksal die Antithese serviert. Doch da uns die Erfahrung misstrauisch und wachsam gemacht hat, können uns diese Nuancen der Ironie nicht mehr überraschen. Sie sind nichts weiter als ein Stilmittel des Lebens, ein Pinsel des Zufalls.

Wenn die Ironie aber zu Tage tritt indem sie uns eine Situation, eine Begebenheit präsentiert, mit der wir niemals gerechnet hätten, dann besiegt die Ironie unser Kalkül und schenkt uns ein wahres Momentum des Lebens.

Ja, ich spreche über die widersprüchlichsten Charaktere. Einerseits von Personen, die ein negatives Momentum schaffen, das eine Eigendynamik auslöst, in der meine Direktheit seinen Halt verliert. Personen, deren Unmenschlichkeit mich zunächst erschreckt, aber dann einen Gerechtigkeitssinn weckt, der in seiner Aufrichtigkeit zehn Mal gefährlicher ist als zuvor. Personen, die meine Messer mit ihren auf mich gerichteten Schwertern wetzen.

Und ich spreche andererseits von denjenigen Personen, die ein positives Momentum schaffen indem sie meinen Freund zur U-Bahn-Station begleiten, obwohl dieser Freund als die Party begann derjenige war, der die Rechtschaffenheit des Gentleman am heftigsten in Frage stellte. Personen, die meinen Sermon schneller herunterbeten können als ich. Menschen, die die Bedeutung der Menschlichkeit inhaliert haben, ohne fromm zu sein, übermenschlich oder übertugendhaft. Menschen, die wissen, was gut ist und was falsch, und sich dennoch für das Falsche entscheiden - zum Trotz und um der Sache willen.

Menschen, die das Eis der Unsicherheiten und Zweifel brechen, in indem sie offen äußern, was mir bereits auf der konditionierten Zunge lag.

Und Menschen, die mir den Titel und das Kaptiel des Buches nennen, das ich zitiere, obwohl ich nicht einmal damit gerechnet hätte, dass mein Dialogpartner bemerkt, dass ich zitiere.

Und das ist dann der Zeitpunkt, an dem die Ironie sich meinen eigenen Humors bedient, um mich zum Lachen zu bringen - ein Lachen, das für eine Weile oder eine kleine Ewigkeit nachhallen wird.

Und das ist der Zeitpunkt, an dem das Leben überrascht und so die natürliche Neugier wiedererweckt.

Und das ist auch der Zeitpunkt, an dem ich das Leben liebe und mir seine Absurdität den Buckel herunterrutschen kann.


"Only a philosophy of eternity, in the world of today, could justify non-violence." ~ Albert Camus

Dienstag, 6. Juli 2010

Über den Tod einer Muse / About the Death of a Muse

Nulllinie. Exitus. Zeitpunkt des Todes: 23 Uhr.

Als ob der Zeigerstand von Bedeutung wäre bei diesem einmaligen Ereignis. Wie oft ist eine bedingungslose Liebe schon an sich selbst erstickt?

Auf einmal hat es sie dahin gerafft, die Muse.

Doch, doch, Symptome gab es durchaus, aber wer hätte schon gedacht, dass diese in ihrer Zartheit gleich zu einem derart fatalen Ende führen?

Da liegt sie nun und ist tot, die bedingungslose Liebe. Mausetot, die Muse.





Und ich mag es gar nicht fassen. Nicht, weil ich sie für unsterblich gehalten hätte, sondern, weil sich dort, wo mir die bedingungslose Liebe bisher störrisch und unbelehrbar im Bauch saß, nun ein gleichermaßen widerspenstiges und feistes Nichts niedergelassen hat.

Und es lässt sich durch nichts erweichen, das Nichts. Die dargereichten Erinnerungen mag es nicht schlucken, und mehr habe ich ihm nicht entgegenzusetzen.

Ich habe mir einfach nie ausgemalt, wie es sein würde ohne die Muse. Und jetzt liegt sie dort - gänzlich charakterlos und tot.

Und die Fehler, die bisher in der Bedingungslosigkeit verblassten, stehen der Muse nun deutlich auf der leblosen Stirn geschrieben und sehen grässlich aus.


Doch woran ist sie nur gestorben? Todesursache Vernachlässigung? Musste sie etwa allein deshalb sterben, weil ich sie nicht mehr brauchte? Und hat sie im Umkehrschluss nur deshalb existiert, weil ihr mein Bedürfnis nach ihr Leben einhauchte?

Gibt es die bedingungslose Liebe am Ende gar nicht? Ist sie nichts weiter ein Produkt des eigenen Verlangens nach emotionaler Unterhaltung. Ist die bedingungslose Liebe lediglich der Entschluss, zu lieben, um der Liebe und nicht etwa um des Gegenübers Willen? Und rührt die bedingungslose Natur dieser forcierten Liebe in Wahrheit von ihrer Unnatürlichkeit und dem eigentlich zu Grunde liegenden Desinteresse? Desinteresse stellt selbstverständlich keine Bedingungen.

Ist die bedingungslose Liebe nur ein Pausenclown? Die Muse als Eulenspiegel der Gefühllosen?

Wie Schuppen fällt es mir von den Augen, jetzt da sie so entseelt vor mir aufgebahrt ist.

Die bedingungslose Liebe der Prügelknabe der wahren Liebe. Eine traurige Gestalt.

Erschien sie mir vor kurzem noch als Wertvollste ihrer Art, ist sie nun, da sie verstorben ist an der Tatsache, dass mir heute andere Narren zur Unterhaltung dienen, nichts weiter als ein Placebo gegen die emotionale Eintönigkeit.

Eine nüchterne Erkenntnis, aber in romantischer Hinsicht doch ein untrügliches Zeichen des Wohlergehens.

Und so lasse ich dich ruhen, liebe Muse, in Frieden.

Auf dass ich dich nie wieder zum Leben erwecken muss.


Und so haben wir uns hier versammelt, um Abschied zu nehmen von einem Clown im Musenkostüm...


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Flatline. Exitus. Time of death: 11 PM.

As if the hands of a watch played a role in this unprecedented event. How often has an unconditional love choked on itself before?

All at once the muse - my love - was carried off. Yes, yes, there were symptoms but who would have thought that they would lead to such a fatal end considering their delicateness?

And now the unconditional love is lying here - dead. Deadly bemused, my muse.

And I don't want to believe it. Not because I thought the unconditional love was immortal but because of the fact that at the exact same spot where it was sitting in my stomach up to today - stubbornly and obstinately - now an equally recalcitrant and stout void has settled down.

And it won't yield, the void. It won't swallow the memories I serve - and I can't think of anything else to offer.

I never imagined how it would feel to lose my muse.

And now it is lying there - characterless and dead.

And the mistakes and flaws that used to fade against the termlessness now clearly stand out looking hideous.

But what did it die from? Cause of death: Neglect? Did it only have to perish because I didn't need it anymore? And would the reverse conclusion be that it only existed because my need for it breathed life into it?

Does the unconditional love not exist after all? Is it nothing else but the product of my desire for emotional entertainment? Is it nothing more than the decision to love for the sake of love, not for the sake of the beloved? And does the unconditional character of this laboured love in truth originate from its unnaturalness and the underlying indifference? Indifference doesn't set any conditions self-evidently.

So, is the unconditional love only a class clown? The joker of the emotionally benumbed?

The scales fell from my eyes only now that it is lying in state in front of me - lifeless.

The unconditional love a punching bag of true love. What a sad story, what a sad figure.

Recently, I took it for the most valuable of its kind and now, that it has died from the fact that other jesters are serving my entertainment needs, it turns out to be nothing but a placebo against emotional monotony.

A prosaic insight but romantically speaking a sign of well-being nevertheless.

And now, please rest in peace, my muse.

Let's hope that I won't ever need to reanimate you.


So we are gathered here to say farewell to a clown in a muse's suit...




Sonntag, 13. Juni 2010

About the emotional Oxymoron / Über den emotionalen Oxymoron















“You should do everything your feelings dictate”, you say.

A free ticket to chaos for someone who feels a lot and preferentially a lot of contrariers, for someone who has invented the emotional oxymoron, I think.

So, you tell me, I can delightfully enjoy my fish fillet but freeze with utter dismay when the waitor serves a whole fish with a head, eyes and scales?

You say, I may condemn the commercialisation of arts and still wiggle my toes when the radio is droning on a Sunday morning?

I may hop through the streets being terribly in love today and march towards heartlessness tomorrow holding hands with a bitter cold indifference just because I think I should get scared?

I can fire away my temper with disappointment-pointed arrows uninhibitedly and ask you half a moment later if we should try and get tickets for the theatre play you wanted to see?

I may not want him and still don’t want him to want another one?

I may allow jealousy to suffuse my chest although I only just claimed that I wish him all the best?

I may assert for hours and hours that he who lives far away is the biggest love of my life without any doubt and change my opinion right away when he knocks at my door?

I may be sad because a phantom has to stay a phanotom to wake up one dreamless night later and re-project all my feelings towards a foolery instead?

I am allowed to run away from this foolery when panic is burning beneath my feet?

I may sneak back in secret when he doesn’t follow me to extinguish the fire?

I may take the phantom out of the corner when the foolery is palling, and I may take off the phantom’s mask to play with it for a bit?

I am allowed to persist in saying that I can only sleep in dead silence and still fall asleep lying in the sun in the middle of a music festival surrounded by a thousand people and noises?

I may abandon my principles although I lately defended them as an irrefutable manifest?

I may be frightened to death on board of a boeing but speed through London on my bike without a helmet?

I may light a cigarette when I return from running, I may drink beer out of the bottle in a dodgy cellar club on Saturday and balance a glass of champagne through a member’s club on my highheels on Wednesday, I may give two pounds to the toothless beggar one day and shoo him away with a dismissive gesture the next?

I may be upset when he whom I ignore ignores me back and still roll my eyes when he calls me twice in a row?

I may insist that I never diet but prescribe myself "greens only" one mirror-encounter later?

You say, the most irrational paradox is legitimate when it has been written by my feelings?

You say “Yes” and grin.

And I am only too pleased to accept the free ticket and depart into chaos.

Do you want to come along?


The reply can be found at: http://3tongues1subject.wordpress.com/2010/06/13/chaos-will-be-just-fine/

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"Du solltest alles tun, was dein Gefühl dir diktiert", sagst du.

Ein Freischein ins Chaos für jemanden, der viel fühlt und bevorzugt viel Gegensätzliches, für jemanden, der den emotionalen Oxymoron für sich verpachtet, meine ich.

Du findest also, ich darf mit größtem Genuss mein Fischfilet verspeisen und trotzdem vor blankem Entsetzen erstarren, wenn mir der Ober einen ganzen Fisch serviert, mit Kopf und Augen und Schuppen?

Du sagst, ich darf die künstlerischen Kommerzialisierung verurteilen und doch mit den Zehen wippen, wenn am Sonntag Morgen das Radio läuft?

Ich darf heute verliebt durch die Straßen springen und morgen mit einer bitterkalten Gleichgültigkeit an der Hand in Richtung Herzlosigkeit marschieren, weil ich finde, mir sollte Angst und Bange werden?

Ich darf meine Wut hemmungslos mit enttäuschungsgespitzten Pfeilen durch die Gegend feuern und einen halben Wimpernschlag später munitionslos fragen, ob wir vielleicht noch Karten ergattern sollten für das Theaterstück am Abend?

Ich darf ihn nicht wollen und trotzdem nicht wollen, dass er eine andere will?

Ich darf der Eifersucht Eintritt gewähren in meinen Brustkorb, obwohl ich gerade eben noch behauptet habe, dass ich ihm nur das Beste wünsche?

Ich darf stundenlang beteuern, dass er, der in der Ferne lebt, ohne den geringsten Zweifel die größte Liebe meines Lebens ist, und flugs meine Meinung ändern, wenn er unversehens vor meiner Tür steht?

Ich darf traurig sein, weil ein Phantom ein Phantom bleiben muss, und eine traumlose Nacht später aufwachen und alle Gefühle auf eine Albernheit umprojizieren?

Ich darf vor der Albernheit davonrennen, weil mir nun doch die Panik unter den Fußsohlen brennt?

Ich darf still und leise zurückschleichen, wenn er mir nicht folgt, um das Feuer zu löschen?

Ich darf das Phantom aus der Ecke holen, wenn die Albernheit mich nicht mehr reizt, und dem Phantom die Maske abnehmen, um mit ihm zu spielen?

Ich darf meine Grundsätze über Bord werfen, obwohl ich sie vorhin noch aufs Äußerste als unumstößliches Manifest verteidigt habe?

Ich darf steif und fest behaupten, ich könne ausschließlich in absoluter Stille schlafen, und trotzdem inmitten eines Musikfestivals in der Sonne einnicken - umringt von tausend Menschen und Geräuschen?

Ich darf an Bord einer Boeing umkommen vor Angst, aber ohne Helm auf dem Fahrrad durch London fegen?

Ich darf mir nach dem Joggen eine Zigarette anzünden, am Freitag in einem düsteren Kellerclub Bier aus der Flasche trinken, am Mittwoch ein Glas Champagner auf Highheels durch den Member's Club balancieren, dem zahnlosen Bettler an einem Tag zwei Pfund zustecken und ihn an einem anderen Tag mit einer Handbewegung davon scheuchen?

Ich darf mich trotzig darüber entrüsten, dass er, den ich ignoriere, mich zurückignoriert, aber mit den Augen rollen, wenn er mich zwei Mal hintereinander anruft?

Ich darf behaupten, dass ich niemals Diät halte, und mir eine Spiegelbegegnung später strikt Grünzeug verordnen?

Du findest, auch die vernunftswidrigsten Paradoxien haben jede Berechtigung, solange sie von meinen Gefühlen geschrieben werden?

Du sagst "Ja!" und grinst.

Und ich nehme den Freischein nur zu gerne an und breche auf ins Chaos.

Kommst du mit?


Die Antwort unter: http://3tongues1subject.wordpress.com/2010/06/13/chaos-will-be-just-fine/

Montag, 31. Mai 2010

Five month in London – an interim result / Fünf Monate London – eine Zwischenbilanz



When a man is tired of London, he is tired of life; for there is in London all that life can afford“ ~ Samuel Johnson (1709 - 1784)


London has a population of 7.556.900. More than 600 people share one square metre, and it can make you 20 Euros poorer every month to rent one of those that are measured in square feet on the island.

Yes, London is big, and even the most generous Bavarian perception of „big“ is overtrumped by London reality.

Those with lazy feet or those who shun distances should better stay on the continent. The expression „around the corner“ unequivocally is a broad notion, I had to discover. You realise that when you take on an one-hour journey to meet someone for a coffee within zone 1 without batting an eye. Or when it takes you 1.5 hours to get home when you were adventurous enough to dine on the other side of the Thames. Or when a shopping trip to Ikea becomes a full day's programme.

Clocks do run differently here. But not only the clocks. People, too. I massively underestimated the cultural imprinting that has branded me, my way of thinking and feeling, my personality. A human character is co-formed by its surroundings. Did somebody ever doubt that? Every day I trip over peculiar cultural differences. And after a first hesitation and jolt, it is only now that I am slowly beginning to fall in love with England's true nature and it's funny face.

Little did I know, when I arrived on the island, that the reputation Germany holds beyond its borders is real and that the German virtues turn into unique selling propositions when you experience the exact counterparts.

To give you a few examples: When Germany avoids problems in advance, England waits for the desaster to happen and then invents most creative work-arounds. Hot water boilers go on strike in winter, air conditionings decide to skip work due to spring-like temperatures. But that's why we have kettles, fireplaces and fans, righ? Rain paralises traffic. Power showers that were advertised as exceptionally fluent begin to stammer and stutter in great heights. Taking a shower on the third floor? Only crouched down on the floor of the tub.

Service wasteland Germany? I am not entirely convinced that this is true. Of what help is a „Thanks for waiting, Madam“ at the supermarket till exactly when my question „Excuse me, where can I find the sugar“ can only be answered by the supermarket manager who is walking me to the shelf and almost falls over backwards due to his excessive politeness? Of what help is the weekly letter from my bank, in which it expresses its gratidude for my loyalty in epic scale when simple things such as transfers turn into a true nightmare? You think cheques are an anachronistic evil? Here you carry them to your bank every month to pay your water bill.

You regard the time slot „between 9AM and 1PM tomorrow“ that your plumber proposes as bold? Believe me, „maybe next Tuesday or Wednesday“ feels rather drastic when we are talking about a blocked toilet. When they tear down the wall two weeks later and don't rebuild it for it will probably happen again, then you know that you are in England.

Broadband internet? Yes, this stroke of technological genius exists even on the island. The installation, however, can take your provider easily one month, and the call centre is unable to answer your question why the broad band turns into a thin band twice an hour and asks you to reboot your router. „Could you escalate this matter to your technician, please?“ „Sorry, Madam, I don't understand.“

You can find 30 pence Ibuprofen und anti-flu pills standing next to the coffee in the cornershop. Razor blades and condoms, however, can only be purchased directly with the cashier who stores them savely behind the counter.

And I still don't know where I can get flower pots without going on the long and troublesome journey to Ikea.

Yes, I miss my family, my friends, the limits of customer orientation, the „Brezeln“, the Bavarian tranquility and the laid-back and prickly Bavarians, the Munich „around the corner“, the air, the green, the 5 AM bar closing hour.

But, BUT: I am slowly but surely truly falling for this island! Not despite but because of all its strangenss, wackiness and its small and not so small flaws. Perfection is convenient but imperfection is a lot more charming and loveable.

To make use of a very simple metaphor, the emigrating situation is very similar to what happens when you are moving from a long relationship into a new one.

At the beginning we rigorously curse the ex. He is the devil in persona. We deny the entire relationship. We think back with fiery horror. The new one, however, is wonderful. Perfect. Everthing is awesome. This is phase I.

In phase II we burn down all the bridges and the euphoria we approach the new one with starts to get a little exhausting. We long for some kind of routine and reliability. In a interhuman relationship this would be the point of time where we run out of euphemisms for the flaws and whims of the new friend. He is only human after all. And now we secretly wish to go back in time every now and then and the devil ex puts on human shape again. He wasn't so bad, when it comes down to it, was he?

In phase III the glorified, deified new friend also becomes human again. They are both far away from being perfect – but both have their advantages. Be that as it may, we still don't want the old friend back since there were a number of good reasons why we left and moreover, we are growing into what the new friend has to offer.

And this is exactly the phase I am experiencing right now.

I am beginning to understand my German culture and to healthily miss it from a safe distance. And while I am getting to know the English culture, I am learning to healthily appreciate it from the inside.

Life in London is more exhausting but more valuable at the same time. I am still myself but I am feeling differently.

In the last five month the frequency of hunger, tiredness and confusion was higher than ever before but even those states felt differently. And I have met great people, I have become friends with amazing figures and I am being surprised day after day. And I have noticed that the British tolerance and candour – from which we Germans can learn a lot – are a true blessing no matter how droll the Brits may be.

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When a man is tired of London, he is tired of life; for there is in London all that life can afford“ ~ Samuel Johnson (1709 - 1784)

In London leben 7.556.900 Menschen. Auf einen Quadratmeter kommen mehr als 600. Einen davon zu mieten kann einen monatlich um rund 20 Euro ärmer machen.

London ist groß. Jede bayerische Größenvorstellung wird dabei von der Londoner Realität übertrumpft. Wer bewegungsfaul ist oder Entfernungen scheut, der bleibt lieber auf dem Festland. Der Ausdruck „um die Ecke“ ist gehörig dehnbar, musste ich feststellen. Das merkt man, wenn man plötzlich nicht mehr mit der Wimper zuckt, wenn man einen Weg von einer Stunde auf sich nimmt, um sich im Viertel nebenan auf einen Kaffee zu treffen ohne dabei die Zone 1 zu verlassen. Das merkt man, wenn man eineinhalb Stunden nach Hause braucht, wenn man sich aus Versehen zum Dinieren auf die andere Themsenseite begeben hat. Das merkt man, wenn ein Trip zu Ikea tagesfüllend ist.

Ja, die Uhren ticken anders. Aber nicht nur die Uhren. Auch die Menschen. Ich habe es unterschätzt, die kulturelle Prägung, die sich eingebrannt hat in mein Denken, Fühlen, in meine Persönlichkeit. Metierprägung? Wer hat deren Existenz jemals angezweifelt? Jeden Tag stolpere ich über absonderliche kulturelle Differenzen. Nach einem ersten Zaudern und Schrecken beginnt sich mein Herz aber langsam ernsthaft zu Erwärmen für Englands wahres Wesen und sein ulkiges Naturell.

In keiner Weise war mir vor meiner Abreise bewusst, dass der Ruf, der uns Deutschen vorauseilt, der Wahrheit entspricht und sich die deutschen Tugenden in echte Alleinstellungsmerkmale verwandeln, wenn man seinen Gegenstücken begegnet.

Um ein paar alltägliche Beispiele zu nennen: Da wo Deutschland Probleme von vornherein umgeht, legt England lieber die Scheuklappen an und dafür eine erstaunliche Kreativität an den Tag, wenn es darum geht Zwischenlösungen zu finden, wenn die Katastrophe dann eingetreten ist. Heißwasserboiler geben den Geist auf im Winter, Klimaanlagen schwänzen die Arbeit, wenn die Sonne scheint. Aber wozu gibt es Wasserkocher, Kamine und Ventilatoren? Regen bringt den Verkehr zum Erliegen. Die angepriesene Power Shower verliert in großen Höhen ihr Vermögen, sich fließend auszudrücken, und beginnt zu stammeln und zu stottern. Duschen im dritten Stock? Nur im Liegen.

Servicewüste Deutschland? Von wegen. Was hilft mir an der Supermarktkasse ein „Thanks for waiting, Madam“, wenn meine Frage „Excuse me, where can I find the sugar“ nur vom Supermarktmanager beantwortet werden kann, der mich dann zum Regal geleitet und sich dabei beinahe überschlägt vor Höflichkeit? Was hilft mir der wöchentliche Brief von meiner Bank, in dem sie in epischem Ausmaß ihre Dankbarkeit für meine Kundentreue zum Ausdruck bringt, wenn simple Dinge wie Überweisungen zum Albtraum werden? Ihr haltet Schecks für ein anachronistisches Relikt? Hier läuft man damit monatlich zur Bank, um seine Wasserrechnung zu begleichen.

Das Zeitfenster „Zwischen 9 und 13 Uhr“, das euch euer Handwerker für den nächsten Tag vorschlägt, erscheint euch dreist? Glaubt mir, „nächste Woche vielleicht am Dienstag oder Mittwoch“, fühlt sich ungeheuer drastisch an, wenn es um eine verstopfte Toilette geht. Wenn dann zwei Wochen später die Wand aufgerissen wird im Gäste-WC und man die dann lieber auch nicht mehr zupflastert, weil es sicher wieder passiert, dann weiß man, man ist in England.

Broadband-Internet? Ja, diesen Geniestreich moderner Technologie kennt man auch auf der Insel. Die Installation aber kann locker einen Monat in Anspruch nehmen, und die Frage, wieso das Breitband zwei Mal pro Stunde zum Schmalband wird und um Router-Neustart bittet, die kann einem im Call-Center niemand beantworten. „Could you escalate this matter to your technician, please?“ „Sorry, Madam, I don't understand.“

Ibuprofen und Grippemittel gibt es für 30 Pence in jedem Cornershop-Regal. Rasierklingen und Kondome liegen dagegen sicher verwahrt und bewacht vom Personal hinter dem Kassiertresen.

Und ich weiß bis heute nicht, wo man Blumenübertöpfe kaufen kann ohne die beschwerliche Reise zu Ikea auf mich zu nehmen.

Ja, ich vermisse meine Familie, meine Freunde, die Grenzen der Kundenorientierung, die Brezen, die bayerische Gemütlichkeit und Kratzbürstigkeit, das Münchener „um die Ecke“, die Luft, das Grün, die Sperrstunde um 5 Uhr früh.

Aber, ABER: ich lerne es zu lieben, langsam aber sicher, dieses London. Mit all seinen Absonderlichkeiten und kleinen und nicht so kleinen Fehlern. Perfektion ist angenehm, Unvollkommenheit aber ist charmant und um einiges liebenswerter.

Um mich einer simplen Metapher zu bedienen, mit dem Auswandern verhält es sich in etwa so, wie wenn man nach einer langen Liebesbeziehung in eine neue rutscht.

Am Anfang verdammt man den Ex rigoros. Er ist der Teufel in persona. Man verleugnet die gesamte Beziehung. Mit feurigem Grauen denkt man daran zurück. Der Neue aber, der ist wunderbar. Perfekt. Alles toll! Das ist Phase I.

In Phase II brennt man die Brücken hinter sich komplett ab und die Euphorie mit der man dem Neuen begegnet wird langsam etwas anstrengend. Man sehnt sich nach ein wenig Routine und Verlässlichkeit. Das ist in etwa der Punkt, an dem einem in einer zwischenmenschlichen Beziehung die Euphemismen für die Makel und Marotten des neuen Freundes ausgehen. Er ist eben auch nur ein Mensch. Und nun beginnt man sich insgeheim zurückzusehnen hin und wieder, und der Teufel Ex nimmt wieder menschliche Gestalt an. Ganz so schlimm war er nun auch wieder nicht.

In Phase III wird auch der verherrlichte, vergötterte Neue zum Menschen. Beide alles andere perfekt, aber beide haben ihre Vorzüge. Zurück zum Alten will man aber dennoch nicht, denn man wächst schließlich langsam hinein in all das, was der Neue zu bieten hat.

Und in eben dieser Phase befinde ich mich zum jetzigen Zeitpunkt.

Ich beginne meine deutsche Kultur zu verstehen und mit einem gehörigen Sicherheitsabstand zu missen. Ich lerne die englische Kultur kennen und von innen heraus zu schätzen. Ich bin dankbar für die Erfahrung.

Das Leben ist anstrengender, aber wertvoller. Ich bin immer noch ich, aber ich fühle mich anders an. In den letzten fünf Monaten war ich öfter erschöpft, hungrig und verwirrt als jemals zuvor, aber auch das fühlt sich anders an. Und ich habe großartige Menschen kennengelernt, unglaubliche Freundschaften geknüpft, ich wurde und werde jeden Tag aufs neue überrascht und habe festgestellt, dass die britische Toleranz und Offenherzigkeit, von der ich mir hoffentlich noch eine ordentliche Scheibe abschneiden werde, ein echter Segen ist – ganz gleich wie drollig die Briten auch sein mögen.


Montag, 24. Mai 2010

A misant(h)tropical bus ride / Eine misant(h)ropische Busfahrt


It is warm. Too warm. Outside. Even in the shadow. The hot air flickers nervously above the tarmac. Inside the bus, however, it is hot. As if the stringent necessity of travelling from A to B for him wouldn't be horrifying enough in itself. Due to the people. He can't bear them either. Neither below zero nor above. He holds his breath when he passes by them - on principle, not only in the summer - and tries to swallow the flight instinct that flares in his stomach and precipitates as an uncomfortable tingling in his chest when he is in human company. Sit down? No. Stand. Don't hold on to anything. Don't touch what they have touched. Balance with feet wide apart. Don't breathe. Swallow.
St. John's Wood. A woman gets on the bus. The thing that worries him more, however, is the stroller she is thrusting past him. Needless to say that his rapport with the immature human version isn't exactly unclouded. The little passenger of the Mac Laren stroller looks comparatively harmless. The boy is literally absorbed in a package of crisps. Our friend still turns away while his eyes are flickering tensely – left and right, left and right – to look for a salvaging object to hold on to visually behind the smudged windows. One. Two. Three. Four. Five. Cars. The fifth one is red. A Japanese model. Retry. Red is definitely not an optimal result. And Japanese clearly neither. One. Two. Three. Four. Five. White. Audi. Better. He breathes a sigh of relief and can taste a scent of perfume on his tounge. The woman. The kid. He looks around briefly and observes that nobody is observing him. The woman, however, is devoured by the intrigued dedication of a strange figure in ochre yellow. The figure is old but her face is bizarrely childlike. Or inane. Just like her smile that she is imposing on the mother. As if in love. Her teeth adorn themselves with the same ochre yellow. How can she, the mother, stay stoically indifferent beneath the stare and in the eye of the ockre yellow grin? He sneezes. Twice. Staccato. The kid gives him a reproachful look. Breath out. Swallow. One. Two. Three. Four. Five. Black. Audi. Audi again. A sign? Audi. Audi means „listen“ in Latin as far as he knows. Whom shall he listen to? Is there an essential message hidden in the babble of voices that is buzzing through the heat? The woman speaks with the child. In a foreign tongue. Not Latin, that's for sure. The message is not understood. He has to return to his search for clues.
Next stop Swiss Cottage. The torture is almost over. He was lucky. Somebody pressed the stop botton before him. Don't touch anything. Breathe out. Swallow. Then the rescuing hiss of the bus door's hydraulics raises its freedom hymn. Breathe in. Deeply. Warm air. The mother gets off behind him and the child sings: One, two, three, four, five.
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Es ist warm. Zu warm. Draußen schon. Im Schatten. Die Luft flackert nervös über dem Asphalt. Aber im Bus ist es heiß. Unerträglich heiß. Als wäre die zwingende Notwendigkeit per Bus von A nach B zu reisen nicht an sich schon eine grauenvolle Geschichte. Der Menschen wegen. Auch die erträgt er nicht. Weder unter dem Gefrierpunkt noch darüber. Er hält grundsätzlich die Luft an, wenn er sie passiert - nicht nur im Sommer - und versucht gleichzeitig den Fluchtinstinkt herunterzuschlucken, der in ihrer Gesellschaft in seinem Bauch auflodert und sich in seiner Brust als unangenehmes Kribbeln niederschlägt. Setzen? Nein. Stehen. Nicht festhalten. Nichts anfassen. Breitbeinig balancieren. Luft anhalten. Schlucken.
St. John's Wood. Eine Frau steigt zu. Der Kinderwagen, den sie durch den schmalen Gang an ihm vorbeizwängt, bereitet ihm jedoch größere Sorge. Es erübrigt sich zu sagen, wie er zu seinen unausgewachsenen Mitmenschen steht. Der kleine Passagier des Mac Laren-Buggies ist vergleichsweise harmlos. Der Junge ist im wahrsten Sinne des Wortes in eine Tüte Chips vertieft. Dennoch wendet sich unser Freund ab während seine Augen hin- und herflattern, um hinter den schmierigen Fenstern ein rettendes Objekt zum visuellen Festhalten zu suchen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Autos. Das fünfte ist Rot. Ein Japaner. Nochmal. Rot ist eindeutig kein optimales Ergebnis. Japanisch gleich gar nicht. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Weiß. Audi. Besser. Er atmet erleichtert auf und schmeckt einen Hauch von Parfüm auf seiner Zunge. Die Frau. Das Kind. Er sieht sich kurz um und darf beobachten, dass keiner ihn beobachtet. Die Frau allerdings, die wird verschlungen. Von der widerlichen Verzückung einer seltsamen Gestalt in Ockergelb. Die Gestalt ist alt, doch ihr Gesicht seltsam kindlich beziehungsweise dümmlich. Und dümmlich grinst sie auch die Mutter an. Fast wie verliebt. Die Zähne ziert dasselbe Ocker. Wie kann sie nur, die Mutter, wie kann sie nur stoisch gleichgültig bleiben unter dem Blick, im Visier des ockergelben Grinsens? Er muss niesen. Zwei Mal. Staccato. Das Kind sieht ihn vorwurfsvoll an. Ausatmen. Schlucken. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Schwarz. Audi. Schon wieder Audi. Ein Zeichen? Audi. Audi. Das bedeutet „Horch“ auf Lateinisch soviel er weiß. Soll er lauschen? Wem? Versteckt sich im allgemeinen Stimmengewirr, das durch die Hitze surrt eine Weichen stellende Botschaft. Die Frau spricht. Mit dem Kind. In einer fremden Sprache. Nicht Lateinisch, das steht fest. Finnisch vielleicht. Die Botschaft bleibt unverstanden. Er muss also weiterhorchen, weitersuchen. Anhaltspunkte sammeln.
Next stop Swiss Cottage. Die Tortur ist gleich vorüber. Und er hatte Glück. Jemand hat den Stop-Knopf vor ihm gedrückt. Nichts anfassen. Ausatmen. Schlucken. Dann das rettende Zischen der Hydraulik als sich die Bustüren öffnen. Einatmen. Tief. Warme Luft. Die Mutter steigt hinter ihm aus und das Kind singt: One, two, three, four, five.